Die bisher unnachgiebige Netflix Kinostrategie zeigt erste Risse, da der Druck von Kinobetreibern und Filmschaffenden stetig wächst. Während der Streaming-Dienst offiziell an seinem reinen Streaming-Modell festhält, deuten immer mehr exklusive Kinovorführungen und interne Debatten darauf hin, dass ein Umdenken unausweichlich sein könnte. Die Beziehung zwischen Netflix und den Kinos erwärmt sich langsam, denn der Konzern riskiert, weiterhin Top-Talente der Filmbranche zu verlieren.
Ein anschauliches Beispiel für diese Problematik ist der Fall des Regisseurs Zach Cregger. Nach dem Erfolg seines Films „Weapons“ war er überrascht, als Netflix-Filmchef Dan Lin ihn in Prag besuchte. Lin unterbreitete ihm den Vorschlag, seinen nächsten Science-Fiction-Film „The Flood“ für Netflix zu realisieren. Cregger war interessiert, stellte aber eine klare Bedingung: einen Kinostart. Der Deal scheiterte, als Co-CEO Ted Sarandos diesen Kinostart ablehnte. Das Projekt liegt nun auf Eis.
Dieses Ringen verdeutlicht die Schwierigkeiten, mit denen Netflix konfrontiert ist, wenn es um die begehrtesten Talente Hollywoods geht. Während Netflix darauf beharrt, nicht im Kinogeschäft tätig zu sein, verlangen Spitzenregisseure die große Leinwand, und die Kinobetreiber benötigen dringend neue Filme.
Erste Risse in der „Keine Kinos“-Politik
Trotz der offiziellen Haltung gibt es immer mehr Ausnahmen, die auf eine Lockerung hindeuten. Der Megahit „KPop Demon Hunters“ wurde nach einem erfolgreichen Startwochenende an Halloween erneut in den Kinos gezeigt. Guillermo del Toros „Frankenstein“ lief drei Wochen in 400 Kinos, bevor er auf der Plattform erschien. Und das Serienfinale von „Stranger Things“ wird als Silvester-Event exklusiv im Kino zu sehen sein.
Diese Entwicklungen werfen die Frage auf, ob sich einer der größten Filmverleiher der Welt weiterhin offiziell aus dem Kinogeschäft heraushalten kann. „Das ist nicht unser Modell“, betont Sarandos, obwohl Netflix für nächstes Jahr mit Greta Gerwigs „Narnia“ seinen ersten IMAX-Release vorbereitet.

Der Verlust von Talenten und der Druck des Wettbewerbs
Der Streaming-Gigant hat bereits namhafte Filmschaffende aufgrund seiner reinen Streaming-Priorität verloren. Neben Cregger entschieden sich auch die Duffer-Brüder (Schöpfer von „Stranger Things“) überraschend dafür, Netflix nach Ablauf ihres Vertrags zu verlassen und zukünftig Kinofilme für Paramount zu produzieren.
Gleichzeitig verschärft die Konkurrenz den Druck. Der Rivale Amazon MGM plant, im Jahr 2026 mindestens 12 Filme in die Kinos zu bringen. Zudem hat Netflix eine Investmentbank beauftragt, den Kauf eines klassischen Hollywood-Studios wie Warner Bros. Pictures zu prüfen, während YouTube weiterhin die Gesamtsehzeit auf allen Plattformen dominiert.
„Die interne Debatte bei Netflix über den Kauf von Warner Bros. könnte eine zweite Debatte ausgelöst haben: ‚Ist Netflix bereit, ein Filmstudio zu besitzen?‘“, erklärt Hernan Lopez, Gründer der Beratungsfirma Owl & Co. Er verweist darauf, wie Amazon nach dem Kauf von MGM Studios stärker auf Kinoproduktionen setzte. „Wenn Netflix am Ende Warner Bros. übernimmt, müssen sie zweifellos ins Kinogeschäft einsteigen.“
Die umstrittene Netflix Kinostrategie und das Kinofenster
Im Inneren von Netflix wächst die Erkenntnis, dass eine Kinokomponente selbst für ein auf Streaming ausgerichtetes Unternehmen eine praktische Notwendigkeit ist. Offiziell wollte sich das Unternehmen nicht äußern, doch Insider berichten, dass die langsame Ausweitung der Kinostrategie auch an den Kinobetreibern selbst liegt. AMC-CEO Adam Aron beispielsweise weigerte sich lange, Netflix-Filme zu zeigen, da er auf langen exklusiven Zeitfenstern zwischen Kino- und Streaming-Start bestand.
Die Spannung zwischen Netflix und den Kinobetreibern drehte sich schon immer um diese „Fenster“ – die Zeitspanne, in der ein Film exklusiv im Kino läuft. Netflix hält diese Fenster kurz oder verzichtet ganz darauf, während Kinos Titel von Studios bevorzugen, die ihre Filme länger von Streaming und Video-on-Demand fernhalten. Ein Branchenkenner meint jedoch: „Es wird sich ändern. Und nicht wir werden uns ändern. Die Umstände werden sich ändern.“ Er deutet an, dass die Kinoketten ihre Haltung lockern werden, so wie sie es bereits für Universal getan haben.

Eine zögerliche Annäherung mit Hindernissen
Alternative Inhalte von Netflix wie die Sondervorführungen von „KPop Demon Hunters“ und „Stranger Things“ kommen in den Kinos gut an. Kinobetreiber sehen dies als Zeichen, dass Netflix endlich erkennt, was sie schon immer argumentiert haben: Kinos dienen als Treffpunkt für Fangemeinden und können Filmen helfen, aus der Masse an Unterhaltungsangeboten herauszustechen.
Dennoch betrachtet Netflix das Kino weiterhin eher als Bonus denn als Ziel. Ein Kinobetreiber erklärt die Problematik aus seiner Sicht: „Bei der Frage des Fensters geht es nicht nur um den Gewinn. Wir wollen nicht, dass die Leute zu uns kommen, um ‚Frankenstein‘ zu sehen, ohne zu wissen, dass er kurz darauf auf Netflix verfügbar ist, und sich dann ausgenutzt fühlen.“
Diese angespannte Beziehung hat eine lange Geschichte. Schon 2017 weigerten sich große Ketten, den Oscar-prämierten Film „Roma“ zu zeigen, da Netflix das damals übliche 90-Tage-Fenster ignorierte. Auch bei Martin Scorseses „The Irishman“ blieben die großen Kinos hart. Erst nach der Pandemie lockerten die Kinos ihre Richtlinien notgedrungen.
Was bringt die Zukunft für Netflix und das Kino?
Netflix finanziert weiterhin Filme von aufregenden Regisseuren wie Kathryn Bigelows „A House of Dynamite“ und hat den Vertrag mit David Fincher verlängert. Doch die drohende Bieterschlacht um Warner Bros. Discovery zwingt die Branche, über eine Zukunft nachzudenken, in der Netflix eines der renommiertesten Kinostudios Hollywoods kontrolliert. Könnte das bedeuten, dass DC-Filme oder New-Line-Horrorfilme nur noch gestreamt werden?
Der Erfolg von Kinofilmen wie „A Minecraft Movie“ oder „Weapons“ sendet ein klares Signal: Die Verbraucher wollen Filme immer noch auf der großen Leinwand sehen. Die Frage bleibt, wie lange Netflix es sich noch leisten kann, diese Realität zu ignorieren. Die derzeitige Netflix Kinostrategie steht an einem Scheideweg, und die nächsten Schritte des Unternehmens werden die gesamte Filmlandschaft nachhaltig prägen.
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